Mo. 29.August Hämeenlinna - Somero

102,7km 6:37h Schnitt: 15,5km/h Maximum: 48,3km/h

Am Morgen hatte uns der, nun wieder blaue Himmel zeitig wach werden lassen. Es war noch nicht einmal neun Uhr, als wir von Aulanko aufbrachen und ins Stadtzentrum von Hämeenlinna fuhren. Vorher machten wir noch einen ganz kurzen Stopp vor den Ruinen der Granitburg von Aulanko, die ein Sommertheater beherbergt. Hierbei handelt es sich aber nicht um die Reste der mittelalterlichen Burg Häme, der Hämeenlinna seinen Namen verdankt. Diese Ruinen wurden Anfang des erst 20.Jahrhunderts bei der Gestaltung der Parkanlage von Aulanko errichtet.

Bild 1.75: Burgruine im Park Aulanko Pisto
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Kurz danach sahen wir vor uns die letzten einer ganzen Kolonne von Soldaten auf ihren Militärfahrrädern in einer Seitenstraße, die relativ steil nach oben in die Parkanlage führte, verschwinden. So wie wir sie schon an unserem ersten Tag zwischen Hanko und Ekenäs gesehen hatten. Es war auch diesmal wieder eine sehr große Gruppe, die mit voller Ausrüstung unterwegs war. Bevor wir sie eingeholt hatten, war auch der Schlussmann abgebogen, mit einem großen roten Warndreieck auf seinem Gepäck. Ihm folgte dann noch als Besenwagen ein leerer Militärlaster.

Die historische Burg, deren Geschichte bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht, liegt direkt auf der anderen Seite des Flusses Vanajavesii, direkt am Ufer. Sie beherbergt heute mehrere Museen, darunter das historische Museum der Stadt, das Artilleriemuseum und das Gefängnismuseum. Zwischen 1837 und 1972 diente ein Teil der Burganlage als Gefängnis. Wem danach ist, der soll hier in einer Zelle übernachten können, wie wir in einem Werbeprospekt lesen konnten. Darüberhinaus finden in den Sommermonaten auf dem Burggelände alljährlich verschiedenste Veranstaltungen statt, darunter ein mittelalterlichen Markt und das Burgjazzfestival.

Bild 1.76: Die Burg Häme auf der anderen Seite des Flusses
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Wir haben auf eine Besuch verzichtete und uns die gewaltige Anlage nur von weitem angesehen, mehr interessierte uns der historische Teil der Stadt. Im Stadtzentrum sind alle Straßen rechtwinklig, wie auf einem Schachbrett angeordnet, mittendrin der Marktplatz, auf dem heute einige Verkaufsstände aufgebaut waren. In den Straßen wechselten sich alte Häuser mit schlichten Neubauten ab. Auch das Rathaus hat eine solche Erweiterung erfahren. Rund um den Marktplatz bilden die Straßen eine Art Fußgängerzone mit einer Vielzahl von Geschäften. In einigen dieser Straßen hatte man allerdings nicht mehr den Eindruck in einer historischen Altstadt zu sein. Andere dagegen hatten sogar noch das alte und recht grobe Kopfsteinpflaster. Mehrere Konditoreien luden zu einem zweiten Frühstück mit einem Stück frisch gebackenem Kuchen ein. Unweit des Marktes liegt auch das Geburtshaus des Komponisten Jean Sibelius, der 22 Jahre in der Stadt lebte und hier seine ersten Kompositionen schrieb. Heute befindet sich hier ein kleines Museum, das an den bedeutendsten finnischen Komponisten erinnert.
Bild 1.77: Das Rathaus von Hämeenlinna
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Die Autobahn Tampere Helsinki trennt die Altstadt von den Neubaugebieten, zum Großteil Plattenbauten. Der Rad- und Fußweg in unsere Richtung führte von der Brücke über die Autobahn mitten durch den Friedhof der orthodoxen Kirche. Da alle diesen Weg benutzten, taten wir es ihnen gleich. Trotzdem war es ungewohnt, zwischen den alten Grabsteinen, die links und rechts auf der Wiese standen hindurchzufahren.

Am Ortsausgang stand eine große braune Tafel mit einem stilisierten Stierkopf und der Aufschrift ,,Hämeen Härkätie``. Wir folgten ab jetzt einer besonderen touristischen Route, ähnlich dem Königsweg oder der Via Karelia. Sie folgt, wie wir später herausgefunden haben, einem historisch bedeutsamen Weg nach Hämeenlinna, der im Mittelalter zwei wichtige Burgen des östlichen Teils von Schweden-Finnland miteinander verband, die Burg von Turku und die Burg von Häme. Bis Renko folgten wir dieser Ochsenweg genannten Route. Da wir bis zu diesem Ort keinerlei Informationstafel gesehen hatten, die Auskunft über seinen weiteren Verlauf gaben, waren wir uns unsicher, ob er uns auch weiterhin in die richtige Richtung und damit zu unserem heutigen Ziel Somero führen wird. Im Ort soll es zwar laut Karte ein Härkätie-Museum geben, einen Hinweis darauf fanden wir jedoch nicht. Also setzten wir unsere Fahrt nach einer kurzen Picknickpause ab hier wie geplant fort. Einige Kilometer hinter Vojakkala stießen wir dann wieder auf den Ochsenweg, dem wir von hier an auf unserer geplanten

Bild 1.78: Altes Vorratshaus in Porras
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Strecke bis Somero folgen sollten. Zwischendurch standen auf einem längeren Stück im Kilometerabstand Granitsteine mit Entfernungsangaben, so, wie wir sie schon vor Virolahti auf dem Museumsweg gesehen hatten. Danach ist der ,,Hämeen Härkätie`` insgesamt 163 Kilometer lang. Das Stück zwischen von Hämeenlinna bis hierher ist ungefähr 13km kürzer als die von uns gewählte Strecke. Die Landschaft wird hier vorallem durch die Landwirtschaft geprägt. Nur gelegentlich führte uns der Ochsenweg durch ausgedehntere Wälder, vorallem zwischen Vojakkala und Porras. Die Straße schlängelt sich hier regelrecht zwischen den vielen kleinen Hügeln und Senken hindurch.

Im Unterschied zu unserer eigentlich auch relativ neuen Straßenkarte war das Stück der 2824 ab Porras frisch asphaltiert. Kurz bevor wir die Fernverkehrsstraße 2 überquerten kamen wir am Haupteingang des Naturzentrums Häme vorbei. Hier gibt es Informationen zu den nahegelegenen Nationalparks Liesjärvi und Torronsusuo und eine Ausstellung über die Natur der finnischen Moorlandschaften. Heute wirkte hier alles sehr verwaist, nirgendwo auch nur eine Menschenseele und auch auf dem großen Parkplatz stand kein einziges Auto. Auch wenn der Eingang nicht verschlossen war, begnügten wir uns mit einem Studium der Informationstafel vor dem Eingang.

Bild 1.79: Eingang zum Häme Naturzentrum
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Nur das Wetter hielt heute wieder nicht das, was der Morgen versprochen hatte. Erst zeigten sich dicke, meist noch weiße Wolken, die sich immer öfter vor die Sonne schoben, dann zog eine gleichmäßige, immer dicker werdende Wolkendecke auf, aus der erst nur ein paar wenige, kleine Tropfen fielen, die sich im Laufe der Zeit langsam zu einem immer stärkeren Sprühregen verdichteten. Die letzten 20km fuhren wir durch eine gleichmäßig graue, im Landregen versinkende Landschaft, deren auch jetzt zu erahnende Schönheit so gar nicht auf uns wirken konnte. Vielmehr hatten wir das Bedürfnis uns in eine heiße finnische Sauna zurückzuziehen und danach vor einem offenen Kaminfeuer das Wetter, Wetter sein lassen.

Bild 1.80: Der Namensgeber des Motels Rantatupa
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Schließlich erreichten wir triefnass das nächste vorbestellte Quartier, den Gasthof und Motel Rantatupa, der direkt neben der Straßenbrücke am Ufer des Flusses Jaatilanjoki liegt. Das ganze Motel war, da wir die einzigsten Gäste sind, bis auf die Wohnung des Wirts und die Garage im Keller nicht geheizt. Dort konnten wir unsere nassen Regensachen zum Trocknen aufhängen. Für das Zimmer gab es dann noch einen funkelnagelneuen Heizlüfter, nachdem der alte seinen Dienst beharrlich verweigerte. Da das Restaurant nur Freitags und Samstags geöffnet ist, blieb uns nichts anderes, als uns das Abendbrot mit Hilfe der im Flur stehenden Mikrowelle zubereiten. Hier bewährte sich wieder, das wir unser eigenes Geschirr mitgenommen hatten. Während die letzten Sachen im Zimmer trockneten, studierten wir das im Flur auf einem kleinen Tisch ausliegende Informationsmaterial der Gemeinde Somero. Leider war alles nur in finnischer Sprache und daher nicht wirklich ergiebig. Auf der Karte des Gemeindegebietes fanden wir aber einen Hinweis auf ein kleines Museum im Dorf Pajula, das sich ebenfalls den Ochsenweg zum Thema gemacht hat. Wir müssen fast daran vorbeigefahren sein.

Peter Schaefer 2008-02-06